Was ist eine charismatische Künstler*innenpersönlichkeit?

von Werner Schmitt, Vorsitzender von MUS-E® Deutschland e.V.  und Mitbegründer von MUS-E®

 

Das MUS-E® Programm lebt durch charismatische Kunstschaffende.

Als wir MUS-E® ins Leben riefen, sagte Yehudi Menuhin zur Eignung der Auswahl von Künstlerinnen und Künstlern:

"Only the best artists should be MUS-E® artists." (Nur die besten Künstler*innen sollten MUS-E® Künstler*innen sein.)

 

Aber was ist der beste Künstler, die beste Künstlerin? Diese Frage ist objektiv kaum zu beantworten, doch wenn man mit Yehudi Menuhin eine Klasse besuchte, dann stand außer Frage, dass die Kinder von dem Charisma eines großen Künstlers gefangen und beeindruckt waren. Er zog die Aufmerksamkeit automatisch auf sich. Er musste dafür nicht einmal seine Geige dabei haben.

Seine empathische Art, mit der er den Kindern Aufmerksamkeit schenkte und auch spürte, dass Kinder, welche nicht immer nach vorne drängten, besonderer Beachtung und Wertschätzung bedurften, waren ein Best-Practice-Beispiel für eine*n MUS-E® Kunstschaffende*n. Vielleicht war es auch seine jahrzehntelange Erfahrung durch seine Auftritte in großen Konzertsälen als Wunderkind, die ihn spüren ließ, wie man ein Publikum mit Tausenden von Zuhörenden in seinen Bann zieht. Doch bin ich überzeugt, dass er dies intuitiv tat, ohne jedes Kalkül. Es war aber auch seine Güte und Menschlichkeit, die er ausstrahlte, egal ob er mit Königin Sophia von Spanien sprach oder mit einem 6-jährigen Kind. Er dominierte bei einem Klassenbesuch nicht, sondern war ein interessierter Zuhörer. Aber gerade dadurch setzte er einen interaktiven Prozess in Gang.

 

Ein anderes Beispiel aus dem Bereich der Musik: 2001 war die damals 11-jährige Olga mit nach Bern gekommen. Es spielten Kinder aus Odessa und Kinder aus Bern. Der große Saal des Konservatoriums war voll. Olga betrat die Bühne und – das "Grundrauschen" des Publikums verstummte, bevor Olga den ersten Ton gespielt hatte. Heute ist Olga eine überzeugende Pianistin, welche sich jedoch dieses Charisma erhalten hat und ein Publikum mit 2000 Menschen in ihren Bann zieht und durch ihre Interpretationen erzählt.

 

Schließlich habe ich soeben einen Zeitungsbericht über den Schauspieler Martin Geisen gelesen, der in Daun in der Eifel als MUS-E® Künstler aktiv ist: Er berichtet, dass seine Zweitklässler sich die Nasen an den Fensterscheiben platt drücken und ihm zuwinken, wenn sie ihn über den Schulhof kommen sehen. Die Ohren gespitzt hätten sie, als er über seine Arbeit am Theater und den Beruf des Schauspielers gesprochen habe. Die den Kindern unbekannte Welt eines Schauspielers, das Charisma des Künstlers in die Schule zu bringen, ist ihm offenbar perfekt gelungen.

 

Die Kunstschaffenden bringen eine ganz andere Erfahrung in die Schule und ziehen die Konzentration der Klasse an sich, da sie nicht Lehrstoff vermitteln, sondern mit ihrer Kunst die Anwesenden "verzaubern", genauso wie die Pianistin Olga vor 2000 Menschen. Wenn ich postuliere, dass unsere Kunstschaffenden charismatisch sein sollen, dann stelle ich mir eine Person vor, welche in ihrer Ausstrahlung Zuhörende oder Miterlebende in ihren Bann zieht und – ohne sich als Pfau in den Mittelpunkt zu stellen - unbewusst überzeugend wirkt.

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