Kinder als Gestalter:innen ihrer Zukunft – Gedanken aus dem Erasmus+ Projekt Green Tales

Im Rahmen des Erasmus+ Projekts "Green Tales" trafen sich Vertreter:innen der europäischen Partnerorganisationen in Brüssel zum gemeinsamen Projektabschluss. Für MUS-E Deutschland e.V. war Jenny Schmiedel vor Ort und sprach darüber, wie künstlerische Bildungsarbeit Kinder darin stärken kann, ihre eigene Stimme zu finden und gesellschaftliche Themen aktiv mitzugestalten. In ihrer Rede beschreibt sie, welche Rolle die Zusammenarbeit von Künstler:innen und Lehrkräften spielt und warum künstlerisches Tätigsein Kindern echte Handlungsmacht vermitteln kann. Wir freuen uns, ihre Gedanken hier zu teilen.


"Ich arbeite bei MUS-E Deutschland e.V., einem künstlerisch-sozialen Bildungsprogramm, das professionelle Künstler:innen in langfristiger Zusammenarbeit mit Lehrkräften in Schulklassen bringt. In einem unserer aktuellen Projekte, Green Tales, haben Kinder in Deutschland und mehreren weiteren europäischen Ländern digitale „grüne Geschichten“ über die vier Elemente und die ökologischen Krisen entwickelt, die ihr Leben prägen. Ausgehend von dieser ganz konkreten Praxis möchte ich darüber sprechen, wie künstlerische Arbeit Kinder darin stärken kann, sich als Gestalter:innen von Veränderung zu erleben – und warum die Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen und Lehrkräften so entscheidend ist, wenn wir den Stimmen der Kinder wirklich Gehör schenken wollen.

 

Für mich bedeutet künstlerische Praxis einen Perspektivwechsel: vom Konsumieren hin zum Gestalten. In vielen Bereichen des Schulalltags befinden sich Kinder vor allem in einer empfangenden Rolle: Sie erhalten Informationen, wiederholen Inhalte und werden bewertet. In unseren MUS-E® Einheiten treffen sie hingegen ständig eigene Entscheidungen: Wie erzähle ich meine Geschichte? Welches Bild von mir selbst, meiner Nachbarschaft oder meiner Zukunft möchte ich auf die Bühne oder auf die Leinwand bringen? Im Projekt Green Tales erhalten Kinder beispielsweise kein fertiges Drehbuch über den Klimawandel. Stattdessen erfinden sie eigene Figuren, entwickeln Konflikte rund um Wasser, Feuer, Luft und Erde, schreiben Dialoge und gestalten Bilder und Klänge. Sie erleben, dass ihre Ideen das gemeinsame Arbeiten verändern können – dass ein leiser, zunächst unsicherer Vorschlag zur zentralen Szene eines Films werden kann. Das ist eine sehr konkrete Erfahrung von Selbstwirksamkeit: „Was ich sage und mir vorstelle, kann etwas bewegen.“

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Lebensrealitäten der Kinder selbst zum Material der künstlerischen Arbeit werden. Wir fordern sie nicht auf, in Geschichten von jemand anderem einzutreten, sondern laden sie ein, ihre eigenen einzubringen. In Green Tales kann das ein Kind sein, das sich Sorgen über Dürre im Herkunftsland seiner Familie macht, über Müll auf dem Berliner Schulhof oder über einen Wald, den es liebt. Gefühle wie Angst, Wut oder Hoffnung werden dabei nicht als Problem verstanden, das kontrolliert werden muss, sondern als kreative Energie. Gemeinsam mit Künstler:innen verwandeln Kinder diese Emotionen in Geschichten, Bilder oder Performances. Schon dieser Prozess ist eine Form von Handlungsmacht: Statt von globalen Krisen überwältigt zu werden, finden sie Sprache, Form und eine gemeinsame künstlerische Antwort.

 

Dabei spielt die „Bühne“ eine wichtige Rolle – allerdings nicht im Sinne einer perfekt inszenierten Aufführung. Für uns ist die Bühne, oder im Fall von Green Tales manchmal auch die Kinoleinwand oder die Projektwebsite, ein Verstärker für die Stimmen der Kinder. Wenn eine Klasse ihren eigenen Film bei einer Vorstellung vor Ort sieht oder ihn mit Partnerschulen in anderen Ländern teilt, erkennen die Kinder: Unsere Perspektive auf die Umwelt ist auch außerhalb unseres Klassenraums relevant. Sie lernen nicht nur etwas über Nachhaltigkeit – sie beziehen öffentlich Stellung. Ebenso wichtig ist, dass sie diesen Moment gemeinsam erleben: durch Aufregung, durch Fehler, durch Applaus. Sie erfahren, was es bedeutet, gemeinsam für etwas einzustehen.

 

All das funktioniert nachhaltig nur dann, wenn Künstler:innen und Lehrkräfte wirklich zusammenarbeiten. Bei MUS-E® und im Projekt Green Tales arbeiten wir mit dem sogenannten CAT-Dreieck: Child, Artist, Teacher – Kind, Künstler:in und Lehrkraft. Alle drei sind aktiv am Prozess beteiligt, und alle drei lernen voneinander. Lehrkräfte bringen ihr tiefes Wissen über die Kinder, ihre Biografien, Gruppendynamiken und schulischen Strukturen ein. Künstler:innen bringen andere Fragestellungen, körperliche und ästhetische Arbeitsweisen und die Bereitschaft mit, Risiken einzugehen. Wenn beide gemeinsam planen und reflektieren, entsteht ein Raum, in dem Kinder experimentieren, Fehler machen und auch schwierige Themen ansprechen können – sogar Kritik an Schule selbst.

 

Diese Zusammenarbeit der Erwachsenen wird zugleich zum Modell für die Kinder. Sie beobachten, wie wir verhandeln, zuhören, unterschiedlicher Meinung sind und gemeinsam Lösungen finden. Im Projekt Green Tales sorgen gemeinsame Fortbildungen für Künstler:innen und Lehrkräfte zu Umweltfragen und digitalem Storytelling dafür, dass alle Verantwortung für das Projekt und auch für die emotionalen Herausforderungen übernehmen, die mit Klima- und Umweltängsten verbunden sein können. So entsteht ein Raum, in dem Kinder sagen können: „Ich habe Angst vor der Zukunft“ oder „Ich bin wütend, dass niemand uns zuhört“ – und diese Gedanken anschließend in gemeinsame Geschichten und Bilder verwandeln, statt mit ihnen allein zu bleiben.

 

Wenn wir wirklich wollen, dass Kinder zu Gestalter:innen von Veränderung werden und nicht nur symbolisch „beteiligt“ sind, müssen wir bereit sein, auch unbequeme Stimmen zu hören. Künstlerische Praxis im Unterricht – besonders dann, wenn Künstler:innen und Lehrkräfte als Team arbeiten – kann einen geschützten, aber keineswegs wirkungslosen Raum dafür öffnen. In diesem Raum erhalten Kinder nicht nur für eine einzelne Präsentation eine Stimme; sie üben, zu sprechen, gehört zu werden, anderen zuzuhören und gemeinsam Alternativen zu entwerfen. Darin liegt für mich das politische Potenzial kultureller Bildung: nicht darin, zukünftige Künstler:innen hervorzubringen, sondern Kinder dabei zu unterstützen, sich selbst als handelnde Subjekte zu erfahren, die ihre Welt mitgestalten können."

 

Originalrede auf Englisch:

"I work with MUS-E® Germany, an arts-in-education programme that brings professional artists into school classes in long-term cooperation with teachers. In one of our current projects, Green Tales, children in Germany and several other European countries created digital “green stories” about the four elements and the ecological crises that shape their lives. I want to speak from this very concrete practice about how artistic work can empower children as agents of change, and why the partnership between artists and teachers is so crucial if we truly want to listen to children’s voices.

 

For me, artistic practice is a shift from consuming to creating. In many parts of school life, children are mainly on the receiving end: they receive information, they repeat, they are assessed. In our artistic sessions, they make decisions all the time: How do I tell my story? What image of myself, of my neighbourhood, of my future do I want to put on stage or on screen? In Green Tales, for example, children don’t get a finished script about climate change. They invent their own characters, their own conflicts around water, fire, air and earth, they write dialogues, they design images and sounds. They experience that their ideas can change what the group does together – that a small, shy suggestion can become the central scene of a film. This is a very concrete experience of self-efficacy: “What I say and imagine can move something.”

 

A second aspect is that children’s lived experiences become the material of the artistic work. We don’t ask them to step into someone else’s story; we invite them to bring their own. In Green Tales, this might be a child who worries about a drought in their family’s home country, or about rubbish in the playground in Berlin, or about a forest they love. These emotions – fear, anger, hope – are not treated as a problem to be controlled, but as energy for creation. Together with artists, children can transform these feelings into a narrative, into images, into a performance. That process is already a form of agency: instead of being overwhelmed by global crises, they find language, form and a shared artistic response.

 

The “stage” plays an important role here, but not in the traditional sense of polishing a perfect show. For us, the stage – or in Green Tales, sometimes the cinema screen or the project website – is an amplifier for children’s voices. When a class sees their own film shown in a local screening, or shared with partner schools in other countries, children realise: our perspective on the environment matters beyond this classroom. They are not just learning about sustainability; they are taking a position in public. And equally important: they carry each other through that moment – through nervousness, through mistakes, through applause. They learn what it means to stand up for something together.

 

All of this only works in a sustainable way if artists and teachers truly cooperate. In MUS-E® and in Green Tales, we work with what we call the CAT triangle: Child, Artist, Teacher. All three are active participants and all three learn. The teacher brings deep knowledge of the children, their biographies, their dynamics, and of the school’s structures. The artist brings different questions, embodied and aesthetic ways of working, and a certain willingness to take risks. When they plan and reflect together, they create a shared space in which children can experiment, make mistakes, and speak about difficult issues – including criticism of school itself.

 

This adult cooperation is itself a model for the children. They watch how we as adults negotiate, listen, disagree and find solutions. In Green Tales, for example, joint trainings for artists and teachers on environmental topics and digital storytelling mean that everyone shares responsibility for the project and for the emotional load that comes with eco-anxiety. That allows us to hold a space where children can say things like “I’m scared about the future” or “I’m angry that no one listens to us” – and then turn these sentences into collective stories and images, instead of leaving them alone with those feelings.

 

If we truly want children to be agents of change and not just “involved” in a decorative way, we have to be ready for their voices to be uncomfortable. Artistic practice in the classroom – especially when artist and teacher work as a team – can open a protected, but not toothless, space for that. In this space, children don’t just get a voice for one project presentation; they rehearse what it means to speak, to be listened to, to listen to others, and to imagine alternatives together. That, for me, is the political potential of arts education: not to produce future artists, but to support children in experiencing themselves as subjects who can shape their world."